Eine Million Menschen tanzen jedes Jahr um das Zürcher Seebecken. Angefangen hat es mit 1500 — und einem Kampf gegen das Tanzverbot. Marek Krynski, Gründer der Street Parade, erzählt, wie aus einer nächtlichen Eingebung die grösste Technoparade der Welt wurde. Seine These: Die Parade ist bis heute eine Demonstration. Wer Lebensfreude teilt, zeigt etwas. Krynski erklärt ausserdem, warum das Verbot von 1994 zum Glücksfall wurde, was er vom Alkoholverkauf hält — und weshalb Techno nicht in Detroit beginnt, sondern in Chicago.
Marek Krynski hat die Zürcher Street Parade erfunden. In dieser Folge von «Soltis Studiocast» erzählt der damalige Mathematik- und Philosophiestudent, wie ihn 1991 ein MTV-Beitrag über die Berliner Love Parade nicht mehr losliess, bis er mitten in der Nacht aufwachte mit dem Gedanken: Das geht auch in Zürich. Am 5. September 1992 zogen dann rund 1500 Menschen über die Bahnhofstrasse, angemeldet als politische Demonstration gegen das Tanzverbot. Heute kommen gegen eine Million.
Krynski erinnert sich an ein Zürich, in dem es «meistens gar nichts gab»: kaum Clubs, kaum Orte, an denen man bis morgens tanzen konnte, wenig Lebensfreude. Er erzählt, wie die Stadt 1994 die Bewilligung verweigerte, weil Zürich angeblich zu klein für die Parade sei, wie eine Medienkonferenz und öffentlicher Druck den Entscheid kippten, und warum die erzwungene Verlegung ans Seebecken das Beste war, was der Parade passieren konnte. Auch die Gegendemonstranten von 1992 kommen vor, die nach einer Viertelstunde Pfeifen einfach mittanzten.
Host Christoph Soltmannowski war selbst in die Anfänge involviert: Er gründete damals das House- und Technomagazin Sputnik, verteilte mit Marek am Voraben der ersten Parade Flyer, gehörte zu den Gründungsmitgliedern des Trägervereins und war lange Medienchef der Parade. 2002 schrieb er ein Buch über die Street Parade. Entsprechend persönlich fällt das Gespräch aus.
Zum Schluss geht es um Krynskis aktuelles Anliegen: die verbreitete Behauptung, Techno habe in Detroit angefangen, wie sie zuletzt auch die Ausstellung im Landesmuseum vertrat. Für ihn liegt der Ursprung woanders, beim Chicago House und beim belgischen New Beat. Warum ihn diese Frage nicht loslässt? «Wir müssen wissen, woher wir kommen, damit wir wissen, wohin wir gehen sollen.»
Anfänge von House & Techno:
5 wegweisende Songs, ausgesucht von Marek Krynski
Für Marek Krynski ist «Jack Your Body» von Steve «Silk» Hurley der Inbegriff von Chicago House: Wenn er nur ein Lied nennen dürfte, dann dieses. Das Hi-Hat auf dem Offbeat macht für ihn den Kern von House und Techno aus. Es war auch der Song, der ihn selbst zu House brachte. Als Schüler hörte er ihn abends beim Hausaufgabenmachen im «Black Music Special» auf DRS 3, einer Sendung, die ihn sonst kaum interessierte. Nach dreissig Sekunden drückte er die Aufnahmetaste seines Kassettengeräts, hörte das Stück wieder und wieder und tanzte zum ersten Mal allein in seinem Zimmer. Das, sagt er, sei die Magie von House Music.
https://www.youtube.com/watch?v=ZaHUK5GnDgE
… und ebenso wichtig für Marek:
GTO – Pure (1990) - ein ganz früher Techno-Titel
https://youtu.be/B30T7Ryo3mc?si=sE6akrYV2a80B6y5
«The Sound of C» von Confetti's steht für ihn exemplarisch für den belgischen New Beat: der schleppende Beat und vor allem die Klänge. Chicago House fand er klanglich wenig interessant, erst New Beat brachte die Sounds. Beides zusammen ergibt für Krynski den Techno.
https://youtu.be/XkiKx81sf_
An «Higher Destiny» von Rhythm Device faszinierte ihn der erste bewusste Einsatz des Samplers: Je nachdem, wie hoch oder tief man ein Sample spielt, wird es schneller oder langsamer, was einen ganz eigenen Groove erzeugt. Dahinter steckt Frank De Wulf, für Krynski ein zentraler Name des Techno, gerade wegen seiner B-Seiten.
https://youtu.be/b0oVaCn6U24
«People Are People» von Depeche Mode wählte er als Beispiel für den «alten Techno» der frühen Achtziger. Er habe einmal versucht, den Takt zu zählen, und sei gescheitert: Bei House ist das Eins-zwei-drei-vier völlig klar, hier nicht. Sein Punkt: Im frühen Techno war die Rhythmik nicht zentral. Die kam erst mit Chicago House, als Energie fürs Tanzen.
https://youtu.be/MzGnX-MbYE4?si=MOIFFnptl45PeaO4
00:00 · Sputnik, Flyer und die erste Parade 1992
05:16 · Die Gründungsnacht: eine Idee um drei Uhr morgens
08:19 · «Zürich, die techno-begeistertste Stadt der Welt»
10:37 · House verstehen: 15 Minuten im Blackout
11:05 · Zürich vor der Parade: Tanzverbot und tote Innenstadt
16:59 · Als das Publikum bei Live-Acts stehen blieb
18:45 · Das Verbot von 1994 — und der Weg ans Seebecken
25:19 · Die Gegendemo, die am Ende mittanzte
28:02 · «Es ist immer noch eine Demo»
29:33 · Alkohol an der Parade: die Kritik des Gründers
36:33 · Streit mit dem Landesmuseum: Woher kommt Techno?
38:53 · Chicago, New Beat, Kraftwerk: der Stammbaum
45:10 · Sechseläuten-Parallele: Wird die Parade gekapert?
56:27 · Wo man Marek Krynski an der Parade trifft